23.10.23 Laufen oder Steigen Winni
Ich passiere Grattenbach und fahre weiter in Richtung Sachrang. Links und rechts große Parkplätze mit den Raubritter-Automaten. Dann Wandertafeln links und ein schmaler Feldweg. Navi sagt: abbiegen! Mache ich und erreiche einen kostenfreien Parkplatz. Zehn Autos stehen schon da, um 10 Uhr an einem Montag. Föhn ist angesagt und meist sonnig. Der Geigelstein, der zweithöchste Berg im Chiemgau, ist wohl beliebter als gedacht.
4 Stunden über Schreckalm steht auf dem gelben Täfelchen. Ich laufe los einen steilen Wanderweg hinauf, wechsle bald in schnelles Gehen und erreiche nach 10 Minuten die nächste Tafel. 3 ½ Stunden. Die 4 Stunden können selbst für Wanderernicht ganz stimmen; eher gute 3 Stunden.
--------------------------------------------------- Hier die Etappen meiner 17,8km langen Runde, unterfüttert mit knapp 1300hm: Wanderparkplatz Huben (direkt beim Einstieg – keine Parkgebühren) – Schreckalm (1408m) – Geigelstein (1808m) – Rossalm (1692m) – Weitlahnerkopf (1615m) – Rossalm (1692m) – Forsthütte (1440m) – Grattenbach (700m) – Huben. Hier die Runde auf Brouter.de -------------------------------------------------
Zurück zum Trailrunning. Anfangs steil über einen Wanderweg, dann hakelig auf dem Jägersteig, geht es hinauf. Typisch für die Chiemgauer Alpen laufe ich oft über grobes Gestein und Steinblöcke, über die sogenannten Chiemgau-Schichten. Bald lichtet sich der Wald, und über die Almwiesen habe ich erdigen Trail unter den Füßen. Der Anstieg rauf zur Schreckalm ist eher sanft und gut laufbar.
Ich brauche wenigstens ein Foto von mir und bitte einen älteren Herren, um die 80, welche von mir zu machen. Er verrät mir, dass er früher Bergläufer war und von Huben auf den Geigelstein in 55 Minuten gelaufen ist. Respekt! Leider kennt er nicht den Weiterweg nach der Rossalm hinunter nach Grattenbach, andere auch nicht, bis auf einen am Gipfel.
Bald taucht der Geigelstein auf, der auf seiner westlichen Seite nahezu vollständig mit Latschen bewachsen ist. Anders die Südseite.
Ich erreiche den Abzweiger hinüber zur Rossalm und zum Weitlahnerkopf, laufe aber erst mal auf dem Sattel rechts zum Gipfelaufbau und beginne den Aufstieg durch eine Latschengasse. Steil geht es über die genannten Chiemgau-Schichten, hin und wieder brauche ich meine Hände. Kann bei Nässe unangenehm werden.
Oben am Gipfel dann eine Überraschung: Hat auf dem Weg herauf der Föhn meist heftig geblasen, ist es jetzt am Kreuz nahezu windstill. Sechs Wanderer sind schon hier, einige liegen in der Sonne. Der Fernblick fein, der Kaiser leider im Gegenlicht nur als Silhouette zu sehen. Dafür die Kampenwand in der Sonne. Rechts dahinter der Chiemsee.
Ich komme mit einem Einheimischen ins Gespräch und er kennt angeblich den Trail hinunter nach Grattenbach. Vom Charakter her, meint er, sei er wie der hier hinunter. Beim Hochlaufen war ich unschlüssig, ob ich nicht doch besser den Hauptweg wieder runterlaufen soll, entscheide mich jetzt aber doch für den Rundkurs, wie geplant.
Ich gönne mir eine längere Pause und mache Mittag. Inzwischen habe ich eine neue Rezeptur für meine „Hafersuppe“. Statt 0,5 Liter Wasser nehme ich jetzt ein elektrolytisches Getränk, dazu BCAA, Taurin, L-Arginin und etwas Kollagen-Hydrolysat. Und natürlich fünf Esslöffel Hafermehl.
Mit dem Zeugs im Bauch mache ich mich auf den Weiterweg. Erstmal die verblockte Gasse runter und rüber zum Abzweiger. Dort auf gleicher Höhe unterhalb des Rossalpenkopfs zur Rossalm.
Der Himmel zieht sich zu und diffuses Licht verwandelt die trockenen Almwiesen in eine Heidelandschaft. Eine Frau streift mit ihrem Hund umher und hat schon viele Fotos gemacht. Für mich geht es noch den Katzensprung hinüber zum Weitlahnerkopf, mit dem mich eine Erinnerung verbindet: Mitte Juni 2018 haben Christian und ich eine 23km lange Tour mit 1830hm um die Kampenwand gemacht, die uns auch über diesen kleinen felsigen Kopf und weiter über einen kurzen Klettersteig zur Kampenwand geführt hat.
Heute nur ein kurzer Besuch, dann den Singletrail zurück zur Rossalm. Dort nur eine Wandertafel in Richtung Geigelstein. Egal, ich habe ja meinen Track auf dem Handy, eine rote Linie, der ich nur folgen muss. Anfangs weglos, dann doch ein Hauch von Pfad, der mich leicht bergab in lichtem Gelände durch diese wunderschöne Landschaft trägt.
Dann eine Weggabelung. Keine Tafeln. Ich entscheide mich für rechts und schaue auf meine rote Linie. Passt! Zwischen beiden Wegen öffnet sich ein kleine Schlucht. Der linke Weg drüben geht am Wald entlang, hier ist es offen. Der Einschnitt wird tiefer, den Pfad drüben verliere ich aus den Augen.
Das Gelände wird steil, und bald habe ich ein Steiglein unter meinen Füßen, das seines gleichen sucht. Hin und wieder bleibe ich stehen, weil ich nicht sehen kann, wohin er mich entführt. Kaum denkt man hui, hui, jetzt aber wird es happig, wendet er sich und verschwindet im Bergwald. Hin und wieder leicht exponiert schlängelt er sich durch die wildromantischen, einsamen Hänge.
Ein kräftiger Wanderer kommt mir entgegen, lacht, freut sich … freut sich, weil ich diesen Steig gefunden habe. Dann klopft er mir noch auf die Schulter und sagt mir etwas, das ich hier nicht verraten möchte.
Und ich verstehe, warum diesen Pfad keiner kannte und es keine Wandertafeln gibt. Hier befindet man sich im Naturschutzgebiet Geigelstein, und mit fehlenden Wandertafeln will man die Besucher lenken.
Um ehrlich zu sein: hätte mir der Wanderer am Gipfel gesagt, dass dort drüben ein steiler Steig hinunter geht, ich wäre, anders als geplant, den Hauptweg wieder hinunter gelaufen. Dennoch lernte ich in der Einsamkeit und Schönheit der Natur wieder Demut.
Vorbei geht es an einer Forsthütte, der Steig aber bleibt mein Begleiter. Erst zum Ende hin wandelt er sich in einen Wanderweg und meine Laufschritte werden länger. Auch die Sonne begleitet mich noch, die über eine Bergkuppe lugt. Nach 16km erreiche ich Grattenbach. Noch zwei Kilometer die Straße entlang, zunächst auf einem Pfad, dann auf einem Radweg, und ich erreiche den Parkplatz
Ein Tag voller Überraschungen geht zu Ende. Lange hat das Chiemgau auf mich warten müssen. Es war Zeit geworden.
Bis bald. In the meantime: Bryan Sutton – Backwater Blues
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